Über richtige Antworten und falsche Fragen: Was ist das Leitmedium des 21. Jahrhundert?

Letzte Woche fragte die Buchakademie auf Facebook ihre Fans, ob “Mobile” das neue Leitmedium für Unternehmen sei. Zugegeben, wir selbst haben diese Frage provoziert und auch zu ihrer Verbreitung beigetragen. Warum dann eine kritische Reflexion über den Sinn dieser Frage?

 
Um den Dingen auf den Grund zu gehen, haben wir uns einer alten Taktik bedient: Mit scheinbar unschuldigen Fragen, deren Unbeantwortbarkeit schließlich unsere Grundannahmen verändert und damit auch die Fragen selbst. (Schon Platon führte dies in den Sokratischen Dialogen so vor).

 
In diesem Fall sind es unsere Grundannahmen über den Begriff „Leitmedium“, die über den Umweg “Mobile” neu gedacht werden müssen. Dies möchten wir in drei Punkten kurz skizzieren.

 
1. “Mobile” ist ein Medium, aber nicht so, wie wir denken.
“Mobile” ließe sich verstehen als eine Kombination von Geräten und Services. Geräte wie Smartphones und Tablet-PCs, die uns miteinander und mit der Welt vernetzen. Mittels Apps, Plattformen und Services, die in allen Bereichen und Industrien boomen, von Twitter und Facebook bis zu Post und Bahn.

 
Aber ist “Mobile” damit definiert? Wir denken, nein. “Mobile” ist nicht die Summe dieser Geräte und Dienste, sondern das, was sie bewirken: das Überall-Internet als ein gesellschaftliches und kulturelles Phänomen. Wir beginnen damit, Service und Informationen zu erwarten als etwas, das uns so natürlich umgibt wie die Kleidung, die wir tragen.

 
Das Web wird zum “Ambient Web”, das unseren sozialen Kontext integriert und uns selbst in den sozialen Kontext anderer integriert. So betrachtet ist “Mobile” kein Medium im Sinne eines Kommunikationskanals, sondern ein Medium wie Luft oder Wasser, in dem wir uns kulturell bewegen können.

 
2. “Mobile” ist neu, aber anders neu, wie wir denken.
Mobile Kommunikation ist alles andere als neu. Tatsächlich begann sie mit der Erfindung der Schrift durch die nachhaltige Trennung des Gesprochenen vom Sprecher.

 
Von dort war der Weg zwar lang, aber nicht wirklich weit, zu den allgegenwärtigen Büchern und Taschenbüchern, Zeitungen und Zeitschriften der Industriegesellschaft. Und auch das Mobiltelefon, in seinen älteren Inkarnationen von uns heute liebevoll als „tragbare Telefonzelle“ wahrgenommen, feiert in diesen Tagen bereits seinen 85. Geburtstag.

 
Nein, was an “Mobile” wirklich neu ist, ist die Erzeugung eines permanenten, dynamischen Echtzeit-Kontextes durch digitale Informationen, deren Strom lediglich abhängig ist von den Infrastrukturen der Vernetzung, aber losgelöst von uralten Verknappungsökonomien wie Kopierbarkeit, Distribuierbarkeit und Aufbewahrung.

 
Die neue Verknappungsökonomie sind wir selbst: im Knotenpunkt privater, beruflicher und politischer Informationsströme benötigen wir neue und verbesserte Filter, im Kopf ebenso wie in Geräten und Applikationen, um unseren Platz im dynamischen gesellschaftlichen Kontext zu behaupten und die Welt in dem Maße mitzugestalten, wie wir es können und es wollen.

 
3. “Mobile” ist wichtig, aber noch wichtiger, als wir denken.
Die Wahl der Technologien für die Unternehmenskommunikation muss sich natürlich an den Nutzerbedürfnissen orientieren, daher ergäbe es auch keinen Sinn, sich auf ein technisches oder methodisches Medium festzulegen. Dies kam, zu Recht, auch in den Kommentaren zu der Frage auf Facebook zur Sprache.

 
Alle Anzeichen deuten jedoch darauf hin, dass die Medien in diesem klassischen Sinne zum Medium im oben beschriebenen Sinne als ein allumfassender ambienter und dynamischer Kontext konvergieren. Inhalte, Kommunikationsziele und Zielgruppen bestimmen weiterhin die Wahl der Medien im Sinne von Kanälen, aber die Entwicklung geht dahin, alle diese Medien in irgendeiner Form „hochverfügbar“ zu halten.

 
In unserer digitalisierten Welt gibt es Kunden gegenüber keine Rechtfertigung mehr für mediale Silos. Was für Produkte und Services gilt, gilt auch für die Kommunikation: gute Unternehmen leben davon, die Erwartungen ihrer Kunden zu erfüllen, großartige Unternehmen leben davon, diese Erwartungen zu übertreffen.

 
Für Informationen, Publikationen und Konversationen aller Art – von Flyer und Magazin über Diskussion und Kommentar bis zu Rede und Präsentation – gilt, dass sie unabhängig von ihren jeweiligen medialen Kanälen auch in diesem ambienten und dynamischen Kontext verfügbar sein müssen, in dem immer mehr Menschen immer selbstverständlicher leben.

 
Gute Unternehmenskommunikation war niemals reine Kommunikation und auch niemals nur Mittel zum Zweck. Integraler Bestandteil von Service und Produkt seit jeher, ist sie auch integraler Bestandteil einer postmodernen Lebenswelt, in der Marken als Teil der eigenen Persönlichkeit wahrgenommen werden und Unternehmen den sozialen Kontext der Menschen auch auf ambiente Weise mitbestimmen. “Mobile” ist letztendlich nicht mehr und nicht weniger als ein Codewort für unsere sich rasend schnell verändernde Kultur, technologisch wie gesellschaftlich.

 
Und vor diesem Hintergrund muss auch der Begriff „Leitmedium“ neu verstanden werden. Das Leitmedium ist nicht mehr etwas, das wir auswählen, vor uns hinstellen und mit Worten füllen. Das Leitmedium ist etwas, in dem wir uns unaufhörlich bewegen, der Kontext, in dem meine Botschaften in jedem beliebigen Moment abrufbar sind und wirken können.

 

Tim Bruysten
Dr. J. Martin

 

 

Die Autoren des Artikels, Dr. J. Martin und Tim Bruysten, sind Referenten des Seminars Social Media für Corporate Publisher vom 25. – 26.07.2011 in München.

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